segunda-feira, 13 de fevereiro de 2012

Einleitung



Natur pur - der Regenwald und seine Ökosysteme

Der Regenwald! Er gilt als eines der letzten Reservate, als grüne Lunge und als eines der letzten unberührten Paradiese, und wird so ein wenig von uns allen beansprucht. Eine letzte Reserve überwältigender Natur, voller wilder Tiere und nur von ein paar ungezähmten, aber romantisch idealisierten Indiovölkern bewohnt. Ein schönes Bild, das sich leider nicht ganz mit der realen Realität deckt. Dass die Natur im Amazonas überwältigt, steht außer Frage. Besonders überwältigend sind die Wassermassen, Ströme, Meere, alle gigantisch. Der Regenwald, den man sich als Tourist zu Gemüte führen kann, gibt sich allerdings eher spröde, muss zuerst erschlossen werden. Da, wo er wirklich unberührt ist, lassen einem seine Baumgiganten den Atem stocken. Wer aber Tiere sehen will, muss schon sehr früh aufstehen, sehr leise sein oder ganz einfach in einen der spärlichen Zoos gehen, um die Panther, Delphine und „Peixe Bois“, Seekühe aus der Nähe sehen zu können. Ansonsten beschränken sich die tierischen Begegnungen auf ein paar wunderschöne Vögel, mit viel Glück ein Äffchen, ein paar Alligatorenaugen, hie und da eine Kröte und unendlich viele, oft eher lästige oder gar gefährliche, fieberbringende Moskitos und die unterschiedlichsten Ameisen, auf ihre Art auch sehr faszinierend. Aber eigentlich ist der reale Amazonas viel mehr! Eigentlich gibt es den Amazonas es gar nicht, sondern unendlich viele sehr verschiedene Amazonasse. So vielfältig und grandios, dass es kaum jemandem gelingt, die riesige, kontinentale Dimension des enormen Gebietes ganz zu erfassen. Hinter den Schlagzeilen und Mythen vom grünen Dschungel verbirgt sich allerdings auch ein sehr realer Kosmos mit ureigenen Gesetzen.
Eine grüne Hölle ist er, fast ganz ohne Menschen! Diese Idee wird allein schon durch die tagtägliche Zerstörung ad absurdum geführt. Wer dem Amazonas auf die Pelle rücken, sind Menschen, reale Menschen. Menschen aus Fleisch, Blut und Knochen, viele mit indigenen Zügen, andere zugewandert. Sie sagen: - Ihr Europäer habt doch euren ganzen Wald abgeholzt, warum dürfen wir jetzt nicht dasselbe machen? – Nicht nur die Menschen, die in jahrhundertealten oder ganz neuen Städten leben, sagen es, sondern auch die, die Seite an Seite, nur durch eine haarfeine Linie von einem archaischen Brasilien getrennt, leben. In jenem Amazonas, der weder dem Indio gehört, nackt, den Körper wunderschön bemalt, sondern den vielen anderen, die zwar auch seine Züge tragen, längst aber zu einer schwer zu definierbaren Mischrasse geworden sind, wie überall in Brasilien. Amazonas heißt auch riesige, globalisierte Städte. An allen strategisch wichtigen Punkten gegründet, haben sich manche, wie Belém und Manaus, zu Megametropolen gewandelt, die die selben Probleme wie die des restlichen Brasiliens haben. Hier dominiert bis heute eine mehrheitlich weiße Oberschicht, Nachfahren der Kolonisatoren, Immigranten aus allen Herren Ländern, wild gemischt, hergelockt vom Latex und anderen, selten erfüllten Versprechen. Ein anderer Teil kommt aus arabischen Ländern und aus Asien. Der Staat Pará hat die drittgrößte japanische Kolonie Brasiliens. Viele Zuwanderer mussten erleben, dass der Amazonas alles andere ist, als das fruchtbare Land, als das er ihnen angepriesen wurde. Noch in den 1970er Jahren warf die brasilianische Militärregierung einen begehrlichen Blick auf den Amazonas und baute die Transamazônica. Versprach damit die Region nun endgültig zu bevölkern. „Integrar para não entregar“ – integrieren, sich einverleiben, um nicht hergeben zu müssen. Schuf ein gigantisches innerbrasilianisches Migrationsprojekt, das im Amazonas vielen Hungernden und den Ärmsten der Armen „Terras sem homens para homens sem terra “ Land ohne Menschen (Amazonas) für Menschen ohne Land (Nordosten) versprach. Das Resultat? Viehzucht, Soja und Ackerbau bedrohen bis heute den wertvollen Regenwald, denn der wirft unangetastet eigentlich fast gar nichts ab. Zudem ist das vom oder gar im Regenwald leben, alles andere als romantisch. Neben den vielen Risiken, die man eingeht, kommt das Fehlen jeglicher Perspektiven, nicht nur von Schulbildung dazu, was auch die neueren Regierungsprogramme nicht lösen, die die Tendenz zum Assistenzialismus fördern. Zudem ist es wirklich nicht jedermanns Sache, drei, vier, zehn Tagreisen mit dem Schiff von der nächsten Zivilisation weg zu leben. Zivilisation bedeutet so Banales wie Elektrizität, Shoppingcenter, ärztliche Versorgung, eine Apotheke, Handy, Internet und die neuesten Filme aus Amerika.
Es ist deutlich, dass der Amazonas schon viel bessere, reiche Zeiten sah. Besonders im Landesinnern erinnern sich viele Einwohner sehnsüchtig daran. Bissiger Humor spricht vom „Das gab´s-schon-mal-hier-Syndrom“. Eine treffende Umschreibung jener sich immer wieder erschöpfenden Wirtschaftszyklen, so typisch für Brasilien und noch typischer für den Amazonas. Es gab hier den blühenden Handel mit Paranüssen, Jutte oder dem schwarzen Pfeffer, alles kaum mehr als eine oder zwei Generationen her. Dann, in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts, gab´s gar Goldgräber und jetzt sollen Edelsteinvorkommen entdeckt worden sein. Bis deren Ausbeutung freigegeben wird, gammeln die Städte im Hinterland unter schlimmster politischer Misswirtschaft in der tropischen Hitze vor sich hin, die einzige, die alle „Gabs-hier-schon-mal“ überlebt und wohl noch eine Weile überleben wird.
Uns so präsentiert sich heute die Realität. Beim Hotelfrühstück in Santarém kann man den ganzen gehobenen amazonischen Mikrokosmos treffen: Die lässig und völlig informell gekleideten jungen Männer wurden sicher von irgendwelchen Bergbaufirmen anheuert. Im ganzen Amazonas werden zum Teil in gigantischen Unternehmen Aluminium, Eisen, Gold und viele andere Mineralien abgebaut. Ständig wird nach neuen Vorkommen sondiert. Die Vorhut, die etwas gewichtigeren, aber nur wenig formeller bekleideten Geologen, sie ziehen den schon etwas angejahrten Kolonialstil ihrer Jugend vor, kann man hier aber auch in den abgelegensten, hintersten Ecken des Amazonas treffen. Am Nebentisch frühstücken gerade die, um es etwas locker auszudrücken, Gegenspieler der Geologen, die NOG-ler, im Blick Abenteuerlust und Idealismus. Ihre beschrifteten T-Shirts -Amazon Project - verkünden, dass sie, zumindest in der Theorie, gleich den ganzen Regenwald retten wollen. Weltgewandt mischen sich englische Brocken unter ihr Portugiesisch. Entblößen sich aber bald mit ihren Fragen nach der lokalen Flora und Fauna als absolute Amazon Greenhorns. Denken, wie die Mehrheit der Leute von außen, dass es hier sozusagen nur Natur und Tiere, Tiere und Natur gebe. Vielleicht arbeiten sie auch gegen die mächtige, nordamerikanische Firma Cargill. Ihr gigantischer Greifarm mitten im Hafen mahnt überdeutlich daran, dass sie aus der ganzen Region Soja in die weite Welt exportiert. Noch mehr Soja soll nun über die endlich fahrtüchtige BR Santarém-Cuiabá hergekarrt werden. Es fehlt nur noch eine chinesische Delegation, die sich hier im Amazonas emsig und mit ernsten Kaufabsichten umsehen. Da drüben versammelt sich gerade die Equipe der „Globo“, der mächtigsten Fernsehanstalt Brasiliens. Sie drehen hier in der Gegend „Tainá III“ - die rührselige Geschichte eines Indiomädchens, das nun seinerseits, schon in der dritten Folge, ebenfalls den Regenwald rettet. Die wohl einzigen, wirklichen Touristen kommen soeben vom fantastischen Festival in Parantins zurück, eine Art amazonischem Karneval, der die Lende vom „Boi“, von den Nordestinos in den Amazonas gebracht, mit amazonischer Folklore mischt. Die Touristen kommen aus dem Süden Brasiliens und wollen die lokalen Schönheiten von Alter do Chão, der lokalen Karibik, bis jetzt nur ein paar Kreuzfahrtschiff- und Rucksacktouristen bekannt, nicht verpassen. Am nächsten Tisch sprechen die Professoren der neuen staatlichen Universität schon beim Frühstück über nichts anderes als ihre Projekte und die damit verbundene Bürokratie. Heute beginnt auch der regionale Kongress der Grundschullehrer. Die Teilnehmer sind in der Mehrzahl deutlich einfacher Herkunft. Ach, hier ist ja auch die Nonne in vollem Ornat, die gerade fünf Stunden mit dem Boot hierher gefahren ist. Alle, Frauen und Männer, unterstreichen wortstark mit jeder Geste ihren pädagogischen guten Willen. Hinter der Empfangstheke ticken auf knallorangem Grund vier Uhren. Sie zeigen vier unterschiedliche Uhrzeiten, die lokale von Santarém, die der Hauptstadt Brasília, von New York und Madrid. Auch das ein Stück des realen Amazonases, jenes, der schon immer mit der halben Welt verbunden war und heute viel globalisierter ist, als man denkt.

1 Der Regenwald















1 Der Regenwald

Geht´s um den Giganten Amazonas, so werden ihm wohl nur Superlative gerecht. Der Amazonas ist eines der größten zusammenhängenden Regenwaldgebiete, welcher etwa fünf Prozent der gesamten Landfläche der Erde und über 40 Prozent des brasilianischen Territoriums bedeckt. Ein sich fächerförmig ausbreitendes Flusssystem, durch welches 1/5 des Süßwassers der Erde fließt. Aber nicht nur diese Superlative lenken die Aufmerksamkeit der halben Welt auf den Amazonas. Denn unter dem Regenwald warten viele Bodenschätze; kaum ein Mineral, das hier nicht geschürft werden kann. Dazu ist der Amazonas aber auch eine pulsierende Hauptverkehrsader. Er badet die wichtigsten Städte der Region und auf ihm wird seit Urzeiten all der aus dem Regenwald gewonnene Reichtum weggeschifft. Bis heute nähren seine Wasser ein außerordentlich komplexes tropisches Ökosystem, um das man Brasilien schon früher und besonders heute weltweit beneidet. 

2 Ökosystem Festes Land/Terra Firme, der typische Regenwald















2 Ökosystem Festes Land/Terra Firme, der typische Regenwald

Genau muss man hinsehen im ewig grünen Tropenwald. Nach unten, auf das stupende Wurzelwerk, in das Unterholz, wo Grillen hoch aufgerichtete, unendlich zerbrechliche Tonröhren als Bau errichten. Und hoch, gar himmelwärts, denn hoch oben auf den Ästen siedeln die Bromelien und Orchideen. Wo der Boden nicht halbjährlich überschwemmt wird, „Terra firme“, Festes Land genannt, muss er all seine Nährstoffe aus den ständig herunterfallenden, vermodernden Blättern gewinnen. Die Humusschicht hier ist sehr dünn, der Boden sandig. Die Regen und das Tropenklima garantieren zusammen mit unzähligen, unsichtbaren Lebewesen und Pilzen und Bakterien jenen Brutkasten, der hier alles so effizient wie intelligent in einem ewigen Kreislauf verrotten lässt und damit immer für neues Leben sorgt. Der ewige Kampf um Sonne und Licht ist brutal. Fällt ein Baumriese, warten unzählige mager hochgeschossene, schäbige Bäumchen genau auf diese, ihre Chance, um den ewigen Kreislauf weiter in Gang zu halten.

3 Die vergessenen Landschaften des Monte Roraima und Pico da Neblina


3 Die vergessenen Landschaften des Monte Roraima und Pico da Neblina

Etwas für abgebrühte Abenteuertouristen ist das zwar lohnenswerte, aber doch eher mühe- und risikoreiche Ersteigen der amazonischen Bergformationen. Im extremen Norden, an der Grenze zu Venezuela ragt der pittoreske Pico da Neblina kahl aus dem üppigen Regenwald. Er ist mit seinen fast 3.000 Metern der höchste Berg Brasiliens. Genauso interessant sollen die Tafelberge in Roraima sein, am Dreiländereck zwischen Venezuela, Brasilien und Guyana gelegen. Sie liegen im Nationalpark des selben Namens. Die markanten Steinformationen erheben sich wie Inseln aus dem tropischen Regenwald. Unter einzigartigen Bedingungen hat sich hier eine ureigene, überwältigende Flora entwickelt; wunderschön farbene Bromelien, dekorative Gräser und Farne. Auch die Fauna ist einzigartig, denn durch die Steilwände sind die flachen Tafelberge total vom umliegenden Regenwald isoliert. 80% der Pflanzen und Tiere sind nur hier anzutreffen.

4 Ökosystem Cerrado/Savana, karg, aber faszinierend

















4 Ökosystem Cerrado/Savana, karg, aber faszinierend

Je nach Geografie und lokalen Verhältnissen gibt es mitten im Regenwald auch Teile, wo der Wald offener ist. Hier ist der Wald offener und viele Bäume werden nicht mehr als 30 Meter hoch. Die Baumkuppen bilden, ganz anders als im dichten Regenwald, kein geschlossen verflochtenes Dach. So gelingt es den Sonnenstrahlen mühelos bis zum Boden vorzudringen. Das machen sich die unterschiedlichsten Aufsitzerpflanzen zum Vorteil – sie besetzen jede nur mögliche Stelle, klammern oder hängen sich waghalsig an Äste und Wurzeln, besetzen jede sich bietende Möglichkeit. Es gibt aber auch niedriges Buschwerk und die unterschiedlichsten Bromelien, die sich nicht an Bäume klammern, sondern im sandigen Boden wurzeln. Wo der nährstoffarme Boden es zulässt, wuchern niedere Kriechpflanzen wie die “Maria fecha a porta”, die bei der geringsten Berührung ihre Blätter hochfaltet, fein ziselierte Farne und die unterschiedlichsten, genügsamen Moose. Hie und da tut sich gar eine sandige Lichtung auf.

5 Soja oder Paranussbaum? - Von der Zerstörung













5 Soja oder Paranussbaum? - Von der Zerstörung


Ihre Majestät erhebt sich, hoch und stolz aufgerichtet, eine Einzelgängerin, purer Anachronismus, am Rand des Weges. Jeder kennt sie: Es ist eine Kastanie, ein Paranussbaum (Bertholletia excelsa). Sie ist auch in geschlossenen Urwaldgebieten eine Einzelgängerin, ihr Stamm erreicht einen Durchmesser von 1-2 m. Hier inmitten der Sojapflanzungen braucht ihre Majestät den ewigen Kampf um Sonne und Nahrung nicht mehr zu kämpfen, sie steht allein. Paranussbäume sind ihrer ökonomischen Bedeutung wegen, ein Widerspruch, seit 1994 durch staatliches Gesetz, vor dem Fällen geschützt. Das aber rettet sie nicht. In den Fortpflanzungskreislauf der Paranussbäume ist eine hoch spezialisierte Biene involviert. Nur dem Bienenweibchen gelingt es, sich ins Innere der kugelförmigen Blüte zu zwängen und sie zu bestäuben. Sie fliegt an einem Tag bis zu 20 km weit. Die männliche Biene allerdings verschmäht Paranussbäume, ernährt sich einzig und allein von einer spezifischen Art Orchideen. Wenn sie die befruchtet, liefert ihr die Orchidee einen aromatischen Nektar, der wiederum weibliche Bienen anzieht. Holzt man nun, wie hier, den Regenwald weg, stockt der ewige Zyklus, das Schutzgesetz annulliert sich selbst und die Kastanie stirbt. 

6 Von den Hitzen
















6 Von den Hitzen

Feuchtheiße 28-32 Grad legen sich wie ein unsichtbarer Film auf die Haut, variieren die immerselben, winzigen Hitzenuancen. Der glühend schwüle Atem des Amazonas scheint direkt aus dem Purgatorium, gar aus der Hölle zu entweichen! Alle kapitulieren vor ihm, unterwerfen sich ihm, schwitzen, nicht nur das eine oder andere Hemd durch, schwitzen sozusagen tierisch, bis auf die Seele, arme, gestrafte, verurteilte Sünderseele durch. Auch in den tiefsten Schatten destillieren sich, unablässig genährt, unkontrollierbare Rinnsale aus Schweiß. Rinnen aus Achselhöhlen und Kniebeugen, kleben Haut auf Haut, häufen sich ungefragt auf Oberlippe und Stirn, fließen über Schläfen, Wangen, lösen sich leise vom Kinn, pling, feiern klammheimlich Wiedersehen tief im Dekolleté. Schlimmer sind wohl nur die Tropennächte! Entweder mühlt ein Ventilator die Hitzeschwaden durch und speit einem in regelmäßigen Abständen seinen heißen Atem ins Gesicht. Als einzige Alternative brummt der Motor der Klimaanlage. Oft scheint er lauter als eine Flugzeugturbine zu heulen. Überzieht noch empfindlichere Körperstellen mit seinem eiskaltem Hauch, was für den nächsten Tag mindestens einen steifen Nacken garantiert. Sozusagen auswegslos teilt man ohne diese Hilfsmittel sogleich die breiig stillstehende Luft mit den unterschiedlichsten Insekten. Wen wundert es da, dass man sich früher in seiner Europazentriertheit sicher war, dass das tropische Klima den menschlichen Organismus schwäche, nicht nur der Faulheit Vorschub leiste und eine laxe Moral und eine ausgeprägte Sinnlichkeit begünstige? Noch schlimmer, gar die Entwicklung einer wirklich zivilisierten Zivilisation verunmöglichte!