20 Negiertes Erbe – die Indios
Sie erzählen, dass wenn ein Indiobaby zur Welt komme, seine Nabelschnur mit
einem gut geschärften Stück Bambus durchtrennt werde. Die Nabelschnur vergrabe
man anschließend hinter dem höchsten Baum des Waldes, was erkläre, wie stark
und unlösbar der Indio mit der Natur verbunden sei. Ein griffig-schönes, sicher
wahres Bild, wenn auch ziemlich romantisch und romantisiert. Die sozusagen
reale amazonische Realität relativiert es deutlich, ist nackter, brutaler,
erbarmungsloser. Die Indios unterstehen einem Sondergesetz und haben einen staatlichen
Beschützer/Tutor, die Funai. Wird heute z.B. ein neuer Stamm Indios lokalisiert,
beschränkt man sich darauf, den Aufenthaltsort des Stammes festzustellen. Es
wird kein direkter Kontakt hergestellt, niemand darf ihnen die „Wunder der
Zivilisation“ bringen. Sie sollen so effizient wie möglich von den Goldgräbern,
Abenteurern, Wilderern und Drogenschmugglern geschützt werden. Die Funai
erlaubt nur sehr sporadischen und sehr kontrollierten Besuch von „Indigenistas“,
Antropologen, die ihre Sprache und Lebensweise studieren oder von Ärzteteams,
die eine rudimentäre Gesundheitsversorgung gewährleisten. In ihre zum Teil auch
sehr grausamen Regeln und Riten, ihre Traditionen wird nicht eingegriffen. Somit
ist es alles andere als einfach, ein Indiodorf, eine „Aldeia“, zu besuchen. Nicht jeder verfügt über die Mittel oder die
körperlichen Voraussetzungen, ein Privatflugzeug zu chartern und dann noch
tagelange Fußmärsche durch den Dschungel auf sich zu nehmen.
Eher exotisch ist die Begegnung im armseligen, lokalen Supermarkt. Da steht
er, ein „echter“ Indio, vor den Gestellen mit Eingebüchstem. Der dekorativ in
die Unterlippe eingelassene Teller lässt keinen Zweifel daran. Derselbe weist
ihn als Mitglied der Caiapós aus. Andere schmücken sich mit einem Pflock im
Kinn oder schöpfen sich mit vier Stöckchen, stilisierte Schnauzhaare, eines
quer durch die Nasenscheidewand, als Jaguare nach.
Hinter vorgehaltener Hand gelten die Indios allerdings bis heute als Wilde,
werden diskriminiert. Man begegnet ihnen überall. Leider ist ihnen ihre von uns
so hochstilisierte Kultur irgendwo auf dem langen Weg abhandengekommen. Sie gehören
zur Unterschicht. Leben am Rande der Städte in Favelas, die hier aus Stelzen in
die vielen Wasser hinein gebaut werden. Auch lokale Intellektuelle, oft ganz
klar indianischer Abstammung, scheinen blinde Spiegel zu haben. So bleibt den
indigenen Völkern ihre komplizierte Nische vorbehalten, in der Antropologen
alle 10 Jahre ihre Ansichten wechseln, sich untereinander befeinden, „ihre“
Indios retten wollen oder nicht - ein mystischer, folkloristisch verbrämt Halbschatten.
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