6 Von den Hitzen
Feuchtheiße
28-32 Grad legen sich wie ein unsichtbarer Film auf die Haut, variieren die immerselben,
winzigen Hitzenuancen. Der glühend schwüle Atem des Amazonas scheint direkt aus
dem Purgatorium, gar aus der Hölle zu entweichen! Alle kapitulieren vor ihm,
unterwerfen sich ihm, schwitzen, nicht nur das eine oder andere Hemd durch,
schwitzen sozusagen tierisch, bis auf die Seele, arme, gestrafte, verurteilte
Sünderseele durch. Auch in den tiefsten Schatten destillieren sich, unablässig
genährt, unkontrollierbare Rinnsale aus Schweiß. Rinnen aus Achselhöhlen und
Kniebeugen, kleben Haut auf Haut, häufen sich ungefragt auf Oberlippe und
Stirn, fließen über Schläfen, Wangen, lösen sich leise vom Kinn, pling, feiern
klammheimlich Wiedersehen tief im Dekolleté. Schlimmer sind wohl nur die
Tropennächte! Entweder mühlt ein Ventilator die Hitzeschwaden durch und speit
einem in regelmäßigen Abständen seinen heißen Atem ins Gesicht. Als einzige
Alternative brummt der Motor der Klimaanlage. Oft scheint er lauter als eine
Flugzeugturbine zu heulen. Überzieht noch empfindlichere Körperstellen mit
seinem eiskaltem Hauch, was für den nächsten Tag mindestens einen steifen
Nacken garantiert. Sozusagen auswegslos teilt man ohne diese Hilfsmittel
sogleich die breiig stillstehende Luft mit den unterschiedlichsten Insekten. Wen
wundert es da, dass man sich früher in seiner Europazentriertheit sicher war,
dass das tropische Klima den menschlichen Organismus schwäche, nicht nur der
Faulheit Vorschub leiste und eine laxe Moral und eine ausgeprägte Sinnlichkeit
begünstige? Noch schlimmer, gar die Entwicklung einer wirklich zivilisierten
Zivilisation verunmöglichte!
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