38 Karneval ganz
tropisch
Von Weitem schon machen sich
die karnevalesken Schreie bemerkbar. Alle springen herbei, keiner will auch nur
das kleinste Detail verpassen. Die Atmosphäre ist so unkompliziert animiert.
Ein uralter VW-Kombi, zum „Trio Elétrico“
(großer Laster, auf dem eine Musikband die Zuschauer animiert) verfremdet,
droht jeden Moment, in seine Einzelteile auseinanderzubrechen. Die Qualität der
Musik lässt mehr als zu wünschen übrig, was aber durch die ohrenbetäubende
Lautstärke wieder gut gemacht wird. Die Narren, die den „Trio Elétrico“ „ziehen“ oder wohl besser von ihm gestoßen werden,
gleichen die fehlende Inspiration bei Fastnachtskostüm und anderen
Verkleidungen durch die unterschiedlichsten Stadien des Angeheitertseins aus.
Einzig die glänzend geschwärzte und äußerst animierte „Nega fulô“, sie trägt zum trägerlosen Oberteil aus grellfarbiger „Chita“ (farbig bedruckter,
brasilianischer Baumwollstoff) einen frech verwegenen Hut mit dem selben Blumenmuster,
tanzt außer Rand und Band aufgekratzt aus der Reihe. Unter der schlecht
aufgetragenen Schicht schwarzer Schuhwichse verraten stramme Schenkel und eine
abgeflachte Nase das Indioblut des lokalen Caboclos. Die zusammengelaufene
Menschenmasse begleitet, ganz wie es beim Karneval Brauch ist, den „Trio Elétrico“ ein Stück weit. Wird,
fröhlich vor sich hinschwitzend, mit heißen Küssen bedacht. Gleich setzt auch
der nächste Regen ein. Er setzt sein hinterlistiges Zerstörungswerk fort, leckt
da an der Schuhcreme, wäscht hier ein wenig Schweiß von mehr oder weniger
muskulösen Oberkörpern, den selben, die die ganze Zeit drohen, ihre
Winzkostüme, Bikinioberteile nur, zu zersprengen.
Neuinterpretationen eines, wie sie erzählen,
glanzvollsten Karnevals Brasiliens, ein gesellschaftlicher Höhepunkt, lange im
Voraus geplant, organisiert und zelebriert. Die Bälle fanden in den schicken
Clubs, in der ganzen Stadt verteilt, statt. Die meisten verkleideten sich als
Pierrot, Kolumbine oder Harlekim, aber es gab auch Baianas, Türken oder gar
einen Tiroler. Das Stadtzentrum war für den „Corso“, den Umzug karnevalesk geschmückt. Es gab Umzüge mit
Konfetti- und Luftschlangenschlachten und „Lança
perfume“ (ein Spray, der die Mischung aus chemischen Lösungsmitteln und
Parfüm in einen eisigen Strahl verwandelt, heute verboten, da als Droge
missbraucht), oder Schlimmeres, um das andere Geschlecht auf sich aufmerksam zu
machen. Jeder Karneval hatte seine „Marschinha“
(Märschchen, Karnevalsmusik, oft mit lustig-anzüglichen Texten), die alle
auswendig kannten und mitsangen.








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