Natur pur - der Regenwald und seine Ökosysteme
Der Regenwald! Er gilt als eines der letzten Reservate, als grüne Lunge und
als eines der letzten unberührten Paradiese, und wird so ein wenig von uns
allen beansprucht. Eine letzte Reserve überwältigender Natur, voller wilder Tiere
und nur von ein paar ungezähmten, aber romantisch idealisierten Indiovölkern
bewohnt. Ein schönes Bild, das sich leider nicht ganz mit der realen Realität
deckt. Dass die Natur im Amazonas überwältigt, steht außer Frage. Besonders
überwältigend sind die Wassermassen, Ströme, Meere, alle gigantisch. Der
Regenwald, den man sich als Tourist zu Gemüte führen kann, gibt sich allerdings
eher spröde, muss zuerst erschlossen werden. Da, wo er wirklich unberührt ist,
lassen einem seine Baumgiganten den Atem stocken. Wer aber Tiere sehen will,
muss schon sehr früh aufstehen, sehr leise sein oder ganz einfach in einen der
spärlichen Zoos gehen, um die Panther, Delphine und „Peixe Bois“, Seekühe aus
der Nähe sehen zu können. Ansonsten beschränken sich die tierischen Begegnungen
auf ein paar wunderschöne Vögel, mit viel Glück ein Äffchen, ein paar Alligatorenaugen,
hie und da eine Kröte und unendlich viele, oft eher lästige oder gar
gefährliche, fieberbringende Moskitos und die unterschiedlichsten Ameisen, auf
ihre Art auch sehr faszinierend. Aber eigentlich ist der reale Amazonas viel
mehr! Eigentlich gibt es den Amazonas es gar nicht, sondern unendlich
viele sehr verschiedene Amazonasse. So vielfältig und grandios, dass es kaum
jemandem gelingt, die riesige, kontinentale Dimension des enormen Gebietes ganz
zu erfassen. Hinter den Schlagzeilen und Mythen vom grünen Dschungel verbirgt
sich allerdings auch ein sehr realer Kosmos mit ureigenen Gesetzen.
Eine grüne Hölle ist er, fast ganz ohne Menschen! Diese Idee wird allein
schon durch die tagtägliche Zerstörung ad absurdum geführt. Wer dem Amazonas
auf die Pelle rücken, sind Menschen, reale Menschen. Menschen aus Fleisch, Blut
und Knochen, viele mit indigenen Zügen, andere zugewandert. Sie sagen: - Ihr Europäer
habt doch euren ganzen Wald abgeholzt, warum dürfen wir jetzt nicht dasselbe
machen? – Nicht nur die Menschen, die in jahrhundertealten oder ganz neuen
Städten leben, sagen es, sondern auch die, die Seite an Seite, nur durch eine
haarfeine Linie von einem archaischen Brasilien getrennt, leben. In jenem
Amazonas, der weder dem Indio gehört, nackt, den Körper wunderschön bemalt,
sondern den vielen anderen, die zwar auch seine Züge tragen, längst aber zu
einer schwer zu definierbaren Mischrasse geworden sind, wie überall in
Brasilien. Amazonas heißt auch riesige, globalisierte Städte. An allen
strategisch wichtigen Punkten gegründet, haben sich manche, wie Belém und
Manaus, zu Megametropolen gewandelt, die die selben Probleme wie die des restlichen
Brasiliens haben. Hier dominiert bis heute eine mehrheitlich weiße Oberschicht,
Nachfahren der Kolonisatoren, Immigranten aus allen Herren Ländern, wild
gemischt, hergelockt vom Latex und anderen, selten erfüllten Versprechen. Ein
anderer Teil kommt aus arabischen Ländern und aus Asien. Der Staat Pará hat die
drittgrößte japanische Kolonie Brasiliens. Viele Zuwanderer mussten erleben,
dass der Amazonas alles andere ist, als das fruchtbare Land, als das er ihnen
angepriesen wurde. Noch in den 1970er Jahren warf die
brasilianische Militärregierung einen begehrlichen Blick auf den Amazonas und
baute die Transamazônica. Versprach damit die Region nun endgültig zu bevölkern.
„Integrar para não entregar“ – integrieren, sich einverleiben, um nicht
hergeben zu müssen. Schuf ein gigantisches innerbrasilianisches
Migrationsprojekt, das im Amazonas vielen Hungernden und den Ärmsten der Armen
„Terras sem homens para homens sem terra “ Land ohne Menschen (Amazonas) für
Menschen ohne Land (Nordosten) versprach. Das Resultat?
Viehzucht, Soja und Ackerbau bedrohen bis heute den wertvollen Regenwald, denn
der wirft unangetastet eigentlich fast gar nichts ab. Zudem ist das vom oder
gar im Regenwald leben, alles andere als romantisch. Neben den vielen Risiken,
die man eingeht, kommt das Fehlen jeglicher Perspektiven, nicht nur von
Schulbildung dazu, was auch die neueren Regierungsprogramme nicht lösen, die
die Tendenz zum Assistenzialismus fördern. Zudem ist es wirklich nicht
jedermanns Sache, drei, vier, zehn Tagreisen mit dem Schiff von der nächsten
Zivilisation weg zu leben. Zivilisation bedeutet so Banales wie Elektrizität,
Shoppingcenter, ärztliche Versorgung, eine Apotheke, Handy, Internet und die
neuesten Filme aus Amerika.
Es ist deutlich, dass der Amazonas schon viel bessere, reiche Zeiten sah. Besonders
im Landesinnern erinnern sich viele Einwohner sehnsüchtig daran. Bissiger Humor
spricht vom „Das gab´s-schon-mal-hier-Syndrom“.
Eine treffende Umschreibung jener sich immer wieder erschöpfenden
Wirtschaftszyklen, so typisch für Brasilien und noch typischer für den Amazonas.
Es gab hier den blühenden Handel mit Paranüssen, Jutte oder dem schwarzen
Pfeffer, alles kaum mehr als eine oder zwei Generationen her. Dann, in den 80er
Jahren des letzten Jahrhunderts, gab´s gar Goldgräber und jetzt sollen
Edelsteinvorkommen entdeckt worden sein. Bis deren Ausbeutung freigegeben wird,
gammeln die Städte im Hinterland unter schlimmster politischer Misswirtschaft
in der tropischen Hitze vor sich hin, die einzige, die alle „Gabs-hier-schon-mal“
überlebt und wohl noch eine Weile überleben wird.
Uns so präsentiert sich heute die Realität. Beim Hotelfrühstück in Santarém
kann man den ganzen gehobenen amazonischen Mikrokosmos treffen: Die lässig und
völlig informell gekleideten jungen Männer wurden sicher von irgendwelchen
Bergbaufirmen anheuert. Im ganzen Amazonas werden zum Teil in gigantischen
Unternehmen Aluminium, Eisen, Gold und viele andere Mineralien abgebaut.
Ständig wird nach neuen Vorkommen sondiert. Die Vorhut, die etwas gewichtigeren,
aber nur wenig formeller bekleideten Geologen, sie ziehen den schon etwas
angejahrten Kolonialstil ihrer Jugend vor, kann man hier aber auch in den
abgelegensten, hintersten Ecken des Amazonas treffen. Am Nebentisch frühstücken gerade die, um es etwas locker auszudrücken,
Gegenspieler der Geologen, die NOG-ler, im Blick Abenteuerlust und Idealismus.
Ihre beschrifteten T-Shirts -Amazon Project - verkünden, dass sie, zumindest in
der Theorie, gleich den ganzen Regenwald retten wollen. Weltgewandt mischen
sich englische Brocken unter ihr Portugiesisch. Entblößen sich aber bald mit
ihren Fragen nach der lokalen Flora und Fauna als absolute Amazon Greenhorns.
Denken, wie die Mehrheit der Leute von außen, dass es hier sozusagen nur Natur
und Tiere, Tiere und Natur gebe. Vielleicht arbeiten sie auch gegen
die mächtige, nordamerikanische Firma Cargill. Ihr gigantischer Greifarm mitten
im Hafen mahnt überdeutlich daran, dass sie aus der ganzen Region Soja in die
weite Welt exportiert. Noch mehr Soja soll nun über die endlich fahrtüchtige BR
Santarém-Cuiabá hergekarrt werden. Es fehlt nur noch eine chinesische
Delegation, die sich hier im Amazonas emsig und mit ernsten Kaufabsichten
umsehen. Da drüben versammelt sich gerade die Equipe der „Globo“, der mächtigsten
Fernsehanstalt Brasiliens. Sie drehen hier in der Gegend „Tainá III“ - die
rührselige Geschichte eines Indiomädchens, das nun seinerseits, schon in der
dritten Folge, ebenfalls den Regenwald rettet. Die wohl einzigen, wirklichen
Touristen kommen soeben vom fantastischen Festival in Parantins zurück, eine
Art amazonischem Karneval, der die Lende vom „Boi“, von den Nordestinos in den Amazonas gebracht, mit
amazonischer Folklore mischt. Die Touristen kommen aus dem Süden Brasiliens und
wollen die lokalen Schönheiten von Alter do Chão, der lokalen Karibik, bis
jetzt nur ein paar Kreuzfahrtschiff- und Rucksacktouristen bekannt, nicht
verpassen. Am nächsten Tisch sprechen die Professoren der neuen staatlichen
Universität schon beim Frühstück über nichts anderes als ihre Projekte und die
damit verbundene Bürokratie. Heute beginnt auch der regionale Kongress der
Grundschullehrer. Die Teilnehmer sind in der Mehrzahl deutlich einfacher
Herkunft. Ach, hier ist ja auch die Nonne in vollem Ornat, die gerade fünf Stunden
mit dem Boot hierher gefahren ist. Alle, Frauen und Männer, unterstreichen
wortstark mit jeder Geste ihren pädagogischen guten Willen. Hinter der
Empfangstheke ticken auf knallorangem Grund vier Uhren. Sie zeigen vier unterschiedliche
Uhrzeiten, die lokale von Santarém, die der Hauptstadt Brasília, von New York
und Madrid. Auch das ein Stück des realen Amazonases, jenes, der schon immer
mit der halben Welt verbunden war und heute viel globalisierter ist, als man
denkt.
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