35 Beléms zentrale Markthalle Ver-o-peso
Wer sich den Reichtum des
Regenwaldes sozusagen mit allen Sinnen aneignen will, dem sei ein Besuch auf
dem Ver-o-peso empfohlen. Die aus England importierte Eisenkonstruktion wurde 1901, mitten im Kautschukboom errichtet. Der Name „Ver-o-peso“ (Sieh das
Gewicht) stammt allerdings aus der Kolonialzeit, denn hier wurden alle
eingeschifften Waren, um diese Zeit natürlich vor allem Kautschukballen, gewogen.
Im Zollhaus „Haver-o-peso“ wurden dann die Steuern erhoben. Hier dominieren die
Düfte. Denn eigentlich duftet und riecht hier im Norden Brasiliens alle und
alles. Es ist wohl der hohen Luftfeuchtigkeit, sie erreicht
90%, zuzuschreiben. Die geringste Reibung erzeugt Wellen und Wellen duftender
Wolken. Kleider werden bis heute gegen die Motten zusammen mit Sachés oder „Amarrados“ aus Pripirocawurzeln verwahrt.
Die Menschen, auch die Männer, hüllen sich fürs Leben gern in dichte,
wohlriechende Schwaden. Der Duft der Früchte wie Cupuaçu oder Araçá, von ätherischen
Öle wie Rosenholz oder Copaíba graben sich als eine der typischsten
Erinnerungen an den Amazonas ins Duftgedächtnis ein. Purstes Vergnügen, an
sechs, sieben vollausgereiften Mangos zu riechen. Jede hat ihren ureigenen
Geruch, mal halb harzig, halb herb, mal blumig oder zitronig. Die Feuchtigkeit
verstärkt, überzeichnet, konzentriert alle Düfte. Soweit, dass sie penetrant
werden, schwer oder gar abstoßend, einem stinkend verfolgen. Aber es gitb auch
den grün-holzigen Duft des Tropenwaldes, gleich nach einem Regenfall ausgedünstet,
schimmlig, faulig und doch frisch. So anders ist die vor sich hinrottende
Fäulnis der Städte. Sie steigt aus den Abwasserkanälen hoch, in denen überreife
Mangos zusammen mit süßlich stinkendem Abfall verfaulen. Schwaden, von
ständigen Regen genährt, gegärt und zelebriert steigen einem in unappetitlich
unregelmäßigen Wellen in die Nüstern. Zum reinen Delirium wird es auf dem
Kräutermarkt. Der eifrige Verkäufer bricht einem die verschiedensten
frischgrünen Ästchen von seinen Kräuterstauden herunter, aus denen man Tees und
Badeaufsude braut. Er zerreibt sie zwischen den Fingern, hält sie einem direkt
unter die schnuppernde Nase. Ein Blick hoch verfolgt den majestätischen Flug eines „Urubus“, einer der allgegenwärtigen
Aasgeier. Auch er will seinen Happen abbekommen. Dann ein letzter Taucher
zwischen die magischen Baracken mit den Medizinal- und Heilpflanzen. Wie wäre
es mit einem wohlriechenden Zauber, der einem den Mann ganz fest anbindet oder
Kundschaft anzieht?
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