30 Obidos, die Kehle des Amazonas
Das amazonische Hinterland ist, noch, eine andere Welt. Das bekommt man in
Óbidos immer wieder bestätigt. Das Spektakulärste an Óbidos ist seine Lage.
Fast zu Ende der dreistündigen Flussfahrt auf dem endlos breiten, endlos
grauschlammigen, endlos verzweigten Wassern des Amazonas hoch, schieben sich
die nie mehr als strichartigen, kaum baumhohen, immer meilenweit fernen Ufer
des Stroms, ein einziges, schlammiges Meer, von beiden Seiten her in weit ausholendem
Bogen immer näher zusammen. Türmen sich auf der rechten Seite gar zu einem weithin
sichtbaren Hügelchen auf: Es ist die Kehle, oder auch die Schnalle des Amazonas.
So wird seine schmalste Stelle, sie ist „nur“ 1.890 Meter breit, genannt. Die
Enge ist auch ungewöhnlich tief, nämlich um die 75 Meter. Ein strategisch
hochinteressanter Punkt und so haben sich hier die Portugiesen schon 1697 ein
Fort errichtet, das bald auch zur Missionsstation von Franziskanermönchen
wurde. Später wurde dann, im Zug der von Marques de Pombal angeordneten
„Verportugiesierung“ des Amazonas aus dem Indiodorf mit Missionsstation die
Stadt Óbidos, in Hommage an die gleichnamige Stadt in Portugal. Heute gesellt
sich zum schlecht konservierten Kolonialstilcharme eine überraschende
Freundlichkeit und Gastfreundschaft. Hier stehen oft Türen und Fenster, Gartentore
offen. Abends setzt sich die ganze Nachbarschaft auf die Schwelle oder den
Bürgersteig. Die jüngeren Semester laufen, im Sportdress natürlich, um den
riesigen, baum- und schattenlosen Dorfplatz, der nun von riesigen Lampen
erleuchtet zum kollektiven Rummel- und Fußballplatz wird, eine willkommene
Alternative zu den Laptops, MTV und Handys. Die einfache Bar beschenkt mit
einer privilegierten Aussicht über die Bucht. Vergleichbares ist im topfebenen
Amazonas nur schwer zu finden. Weiter unten, ganz am Hafen, hängt, da wo die
Fische angeliefert werden und die Sonne besonders sticht, ein riesiges,
kopfloses Pirarucufilet eingesalzen zum Trocknen aus, lässig über die Gitter
der Hafenabschrankung gehängt. Winzig kleine Boote mit und ohne Motor verlieren
sich in der endlosen Weite der Wasser der riesigen Bucht.

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