29 Manaus – Glanz und Schatten des Kautschuks
Schon ab 1840 setzte hier im Amazonas der
Kautschukboom ein. Es war Charles Goodyear gelungen, in einem speziellen
Vulkanisierungsverfahren den Gummireifen zu entwickeln, der nun die
Gummiproduktion und damit das ganze Amazonasbecken in den Blick der Welt rückte.
Es ging Schlag auf Schlag. 1866 ging die Schifffahrt auf dem Amazonas in die
Hände der Engländer und Amerikaner über. Nach 1877 emigrierten Millionen von
„Nordestinos“, besonders aus Ceará im brasilianischen Nordosten in den Amazonas.
Sie flohen vor den schrecklichen Dürren, unter denen ihr Staat immer wieder litt.
Sie wurden vom riesigen Ungeheuer Tropenwald verschlungen, absorbiert - höchst
willkommen als „Seringeirios“,
Gummizapfer, eine Art Unterhunde, auf der untersten Stufe der Produktionskette.
Quellen bestätigen, dass das Leben eines Gummiarbeiters oft gar noch schlimmer
gewesen sein soll als das eines Sklaven. Extreme Kontraste, Ausbeutung und
Freibeutertum waren typisch für diese Epoche. Kautschukbarone und Händler
verdienten Ströme von Geld. Sie standen Schwärmen und Schwärmen von Miserablen
und Untermenschen gegenüber. Einer war vom anderen abhängig. Hier im „Museu do Seringal“, am linken Ufer des
Rio Negro gelegen, dreht sich alles darum. Hier wird erzählt, wie sich ein
Kautschukgewinner kurz nach Mitternacht, eine Lampe auf dem Kopf, in den
stockdunklen Wald aufmachte, wo er die Bäume anritzte. Den selben Pfad ein
zweites Mal ablief, diesmal am frühen Morgen, um den weißen Latex einzusammeln.
Zurück in seiner Hütte, verklumpte er den Latex über offenem Feuer zu kompakten
Ballen. Kein Leben, eher eine Art eine Art Vorhölle. Viele Kautschukgewinner
starben sehr jung. Opfer von Schlangenbissen, tropischen Krankheiten und
Rauchvergiftungen, die sie sich beim Kautschukkochen zuzogen. Die Barone
dagegen wurden über Nacht unermesslich reich. Reisten regelmäßig nach Europa,
von wo sie sich allen nur erdenklichen Komfort, von Möbeln über Wein, Geschirr
und Kleidern für ihre Damen mitbrachten. Der kleine Krämerladen mit der Waage,
wo die Kautschukballen gewogen und sogleich gegen Lebensmittel und anderes
Lebensnotwendige umgetauscht wurden, zeigt, wie abhängig die „Seringeiros“ gehalten wurden. Denn der
allmächtige Besitzer des Herrenhauses mit Krämerladen legte nicht nur die
Preise für den Kautschuk fest, sondern auch für die Waren. Dabei rechnete er
natürlich immer zu seinen Gunsten. Das Einzige, was hier zur Authentizität
fehlt, ist der durchdringend beißende Geruch, den der frische Latex ausströmt,
von so vielen Reisenden aus der Zeit des Kautschuks als das Charakteristische
überhaupt beschrieben.
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